Runder Tisch mit Ministerpräsident Matthias Platzeck und Vertretern der palästinensisch-christlichen Zivilgesellschaft

Die FES läd ein - v.l. - Rifat Odeh Kassis (DCI), Claudette Habesch (Caritas), Mu'tasem al-Ashhab (Dolmetscher) und Judith Althaus (FES).
Am Abend des 31. Mai 2011 traf der Ministerpräsident von Brandenburg Matthias Platzeck mit seiner Delegation und im Beisein vom Leiter des Vertretungsbüros der BRD in Ramallah Götz Lingenthal zu einem Round Table zum oft übersehenen Thema „Christen in Palästina“ mit Partnern der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen.
Dr. Michael Bröning eröffnete die Runde, die sich in Bethlehem nur fünf Minuten von der Geburtskirche entfernt traf. Geläufig wird in führenden Nachrichtenagenturen, so Bröning, der Fokus auf Ägypten, die Türkei oder den Irak gerichtet. Dies ist verständlich, denkt man an die Anschläge auf Kirchen in Alexandria und Kairo. Laut New York Times ist es seit dem Ende der Herrschaft Mubaraks durch Gewalttaten zu 24 Toten und ca. 200 Verletzten unter den Christen Ägyptens gekommen. In der Türkei könnte eine ganze Geschichte gespannter Beziehungen geschrieben werden: In den vergangenen Jahrzehnten wurden fast alle theologischen Ausbildungsstätten geschlossen, Kirchenbauten und Renovierungen wurden selten genehmigt, gewaltsame Ausschreitungen, die sich besonders auf den Südwesten des Landes konzentrieren, werden nur sehr spärlich vor Gericht gebracht. Die Zahl der Christen ist vor allem durch Auswanderung rapide gesunken, wobei unter Präsident Erdogan erste Besserungen zu verzeichnen sind. Aus dem Irak sind besonders seit dem Krieg 2003 und den zunehmenden Ausschreitungen gegen Christen wahre Flüchtlingsströme zu verzeichnen.

Gute Stimmung - Ministerpräsident Matthias Platzeck und Dr. Michael Bröning (v.l.) vor dem Gespräch.
In den Palästinensischen Gebieten ist die Situation anders. Die schätzungsweise 60.000 Christen (ca. 11.000 davon in Ostjerusalem und weitere ca. 1.500 in Gaza) betrachten sich nicht als Minderheit. Rifat Kassis, Präsident von „Defence for Children International“ und Koordinator von „Kairos Palestine“ sagte: „Wir sind vertreten. Wir sind dynamisch. Zahlen belegen es.“ Allein im Westjordanland stehen 76 christliche Schulen und 250 christliche NGOs zu Buche und das obwohl die in rund 80 Konfessionen unterteilten Christen nur bis zu 2% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Christen seinen politisch gar überrepräsentiert, so Kassis, In Bethlehem und Ramallah stellen sie die Bürgermeister, zwei PNA Ministerien werden von Christen geleitet, im Revolutionsrat der Fatah belegen sie fünf und im palästinensischen Legislativrat sechs Sitze.
Chefärztin und Direktorin des „Caritas Baby Hospitals“ in Bethlehem Dr. Hiyam Marzouqa betonte, dass die Sozialleistungen christlicher Einrichtungen der gesamten Bevölkerung offen stünden und so rund 98% ihrer Patienten Muslime seien. Das grüßte Strukturproblem für den Gesundheitssektor sei die hohe Arbeitslosigkeit von ca. 30% (unter den Christen liegt sie bei ca. 10%) und die niedrigen Gehälter. Dadurch könnten viele ihre Rechnungen nicht bezahlen. Gerade einmal 17% der stationären und 20% der ambulanten Behandlungen könnten von den Familien der Patienten selbst getragen werden. Auf die Nachfrage des Ministers welches Problem des Gesundheitssektors das dringlichste sei, erhielt er von allen Gesprächspartnern die Besatzung als Antwort. Durch Checkpoints innerhalb der palästinensischen Gebiete kommt es immer wieder zu lebensbedrohlichen Verzögerungen auf dem Weg ins Krankenhaus und bei Überweisungen zu Fachärzten nach Israel müssen selbst Schwerstkranke am Checkpoint von einem palästinensischen in einen israelischen Krankenwagen gebracht werden. Darüber hinaus ist die Sperranlage dafür verantwortlich, dass viele Palästinenser ihre zuvor bestehende Beschäftigung in Israel aufgeben mussten und auch der Warentransport für Unternehmen ist seit dem deutlich erschwert. Bei einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse durch das Ende der Besatzung ist von einer größeren finanziellen Autarkie des Gesundheitssektors auszugehen. Wobei Dr. Marzouqa noch nicht mit einer bald tragfähigen Krankenversicherungsstruktur rechnet. Insbesondere sorgt sie sich, dass es angesichts der Zusammenarbeit von Hamas und Fatah nun zu einem internationalen Finanzboykott wie schon 2006 kommen könnte, dessen Folgen maßgeblich den Gesundheitssektor und damit die Bevölkerung träfen.

Ministerpräsident Platzeck im Gespräch mit Dr. Michael Bröning (FES) und dem deutschen Vertreter in Ramallah Götz Lingenthal (v.l.).
Der Leiter des interreligiösen Be- gegnungszentrums „Abrahams Herberge“ in Beit Jala Pastor Jadallah Shihadeh betonte: „Es kann uns nicht gut gehen, wenn Israel in Angst und Unsicherheit lebt“ und berichtete anschließend vom muslimisch-christlich-jüdischen Friedensmarsch mit 2.500 Beteiligten, von den Städtepartnerschaften mit Bergisch-Gladbach und Jena und von Zusammenarbeit mit Rabbinern und jüdischen Jugendorganisationen. „Wer in Israel lebt muss für Frieden zwischen den Israelis und Palästinensern sein“, sagte Shihadeh. „Wir [die Palästinenser] brauchen einen Staat und das Ende der Besatzung, denn glückliche Palästinenser sichern Israel.“ Mit einem Verweis auf Immanuel Kants Geschichtsphilosophie, dass sich die Geschichte im Ganzen stets zum Guten entwickeln muss, schloss er: „Freiheit führt zu Gerechtigkeit.“
Claudette Habesch, 1948 aus ihrem Elternhaus in Jerusalem vertrieben und heute stellvertretende Vorsitzende der Caritas und Mitglied, ehemals Präsidentin, im Vorstand der Caritas in Nordafrika und dem Mittleren Osten hob ihrerseits hervor: „Wir haben kein religiöses, sondern ein politisches Problem.“ „Was einem Christen passiert, passiert auch einem Muslim“, antwortete sie auf die Frage, ob alle Palästinenser in gleichem Maße von der Besatzung betroffen seien. „Wir sind ein Volk und wollen auch so behandelt werden.“ Habesch forderte mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik und die Besatzung Gerechtigkeit, denn diese sei die Grundlage für Frieden. Frieden wiederum bedeute Sicherheit. Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit würden schließlich Einheit stiften, so Habesch. Umfragen zufolge ist eine große Anzahl der im Ausland lebenden palästinensischen Christen willens, bei einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse und politischer Sicherheit zurückzukehren und ihr Knowhow in die Errichtung eines demokratischen, palästinensischen Staates einzubringen.

Intensive Diskussion - Matthias Platzeck und Dr. Michael Bröning (v.l.).
Ministerpräsident Platzeck brachte in seinem Schlusswort seine Hoffnung zum Ausdruck, dass angesichts des Aufbruchs in der arabischen Welt und Israels Sorge vor politischer Isolation Palästinenser wie Israelis an Weisheit gewinnen werden und die Welt – ähnlich unerwartet wie 1989 in Deutschland – bis Jahresende große Veränderungen in der Region beobachten wird.


